„Herausforderung Webinar“

Online-Seminare stellen ganz eigene Anforderungen. Methoden und Präsentationen – es gibt einige Dinge zu beachten. Hier lauert selbst für erfahrene Trainer die eine oder andere Überraschung.

In diesem Blog präsentieren wir sechs Stolpersteine auf dem Weg durch ein live Online-Seminar. Die vorgestellten Aspekte hat Sandra Dirks am eigenen Leib erfahren und in einer unterhaltsamen Session auf dem Barcamp in Braunschweig 2010 vorgetragen: zum Video bei YouTube Teil 1 und Teil 2

Hier gibt es dazu die Blogfassung. Viel Spaß!

Training im virtuellen Seminarraum – Erfahrungen einer Rampensau

Man sitzt zu Hause vor dem Bildschirm und befindet sich bereits im virtuellen Seminarraum. Hochmotiviert möchte man die Teilnehmer aktivieren und ein interaktives Webinar gestalten. Freudig begrüßt man die ersten, die den Raum betreten.
… Doch was denkt der Teilnehmer? Richtig: „Solange da noch nichts los ist, geh ich mir mal noch einen Kaffee holen und checke meine Mails…“ Doch so klappt das nicht. Die Teilnehmer sollen aktiv werden und schließlich möchte man sie auch kennenlernen:

Platz 6: Störer
Man hat alle Störfaktoren abgestellt. Die Tür ist zu, die Fenster auch, das Handy ist aus, Kinder, Katze & Wellensittich weggesperrt. Sogar das Mailprogramm ist beendet, und dann – mitten im Seminar – klingelt das Telefon! Nun steht das Gerät außer Reichweite und ist ohne akrobatische Übungen vor der Webcam nicht still zu kriegen und es klingelt und klingelt und klingelt…
Tipp: Intensiv Gedanken machen, was im Raum stören kann.

Platz 5: Headsets
Es sind 60 min Seminarzeit geplant. Langsam trudeln die Teilnehmer ein, die freundlich begrüßt werden: „Hallo Frau Schulze! Schön, dass Sie da sind!“
Frau Schulze freut sich auch und winkt, und auch ihr Mund bewegt sich – was etwas schräg, aber sehr sympathisch aussieht. Nur zu hören ist sie nicht. Jetzt brüllt man die arme Frau instinktiv an: „Frau Schulze!? KÖNNEN SIE MICH HÖREN?!“ Freudig bejaht ihr Mund das und die Daumen zeigen nach oben. „ICH KANN SIE ABER NICHT HÖREN!“ …
So geht das, mindestens 10 Minuten lang.
Tipp: Es ist immer jemand dabei, der z.B. seine Kopfhörer nicht eingestöpselt hat. Also am besten einen Co-Trainer dabei haben, der in solchen Fällen Support leistet – oder ein Kurs in Gebärdensprache belegen.
Dazu gehört natürlich auch, dass Sie als Trainer Ihr neues überaus praktisches wireless Headset aufgeladen haben. Das beneidenswerte Headset mit dem Sie sich als Profi ganz locker bewegen können. Dies ohne sich an einem Kabel zu strangulieren und dabei zusätzlich noch das technische Equipment zu zerstören. Es soll schon vorgekommen sein, dass derart perfekt ausgestattete Trainer plötzlich sprach- und gehörlos gestikulierend im virtuellen Raum saßen.
Wireless Tipp: Das Ladekabel für das wireless Headset neben den Computer legen.

Platz 4: Methoden anpassen
Sie haben sich eine ganz tolle und aktivierende Methode überlegt.
Sie laden in Vorfreude eine Landkarte hoch, damit die Teilnehmer ankreuzen können woher sie kommen. So auch Sandra Dirks. Da die Texteingabe auf dem Whiteboard aber noch nicht funktionierte, sah Frau Dirks nur schön verteilte Kreuze auf ihrem Monitor. Die genauen Orte schrieben die Teilnehmer daraufhin in den Chat.
Tipp: Gut überlegen, welche Methode in den Raum passt. Am besten testen, ob die nötigen Funktionen vorhanden sind.

Platz 3: Fragen und Antworten
Man sieht die Teilnehmerfotos unter dem Whiteboard und redet – wie im Präsenzseminar – einfach drauflos, um am Ende eine Frage zu stellen. Dann fragt man, und fragt, und fragt wieder, aber niemand antwortet. Man fragt sich warum?!
Weil die Teilnehmer
a) mit anderen Dingen unterwegs sind
b) die Worte nicht sofort auf der gleichen Bandbreite übertragen bekommen
c) genau die Teilnehmer sind, die sich auch im Präsenzseminar nie zu Wort melden,
d) die Frage nicht verstanden haben,
e) Sie einen derart starken Dialekt sprechen, dass Sie nicht verstanden werden, oder
f) die Teilnehmer bei einer langen Frage den ersten Teil der Frage auch schon wieder vergessen haben.
Tipp: Sprache und Sprechgeschwindigkeit an das System anpassen und Pausen machen. Außerdem – alle Fragen und Arbeitsanweisungen aufschreiben und zusätzlich mit Fotos visualisieren. Arbeiten Sie unbedingt auch mit Beispielen.

Platz 2: Man kann Sie sehen!
Achtung! Ihre Kamera läuft mit! Wenn Sie mit einer „schwierigen“ Person konfrontiert sind, die ständig kritische oder in Ihren Augen „überflüssige“ Fragen stellt, sollten Sie nicht mit den Augen rollen. Das würden Sie im Präsenzseminar schließlich auch nur gut getarnt hinter der Pinnwand oder dem FlipChart-Ständer machen. 😉
Wenn Sie ganz allein dasitzen, oder der Co-Moderator bereits versucht kreativ aus seinem Kamerabild zu flüchten, ist es allerdings besonders schwierig die eigene Mimik und Gestik zu kontrollieren.
Tipp: Stellen Sie sich einen Kosmetikspiegel in Sichtweite und kontrollieren Sie Ihre Mimik. Lächelmaske benutzen! 🙂

Platz 1: Geduld
Online-Trainer brauchen Geduld, um die Reaktion auf ihre Fragen abzuwarten. Es kann sein, dass die Teilnehmer gar nicht da sind, sondern vielleicht soeben einen Tee aufbrühen und ihre E-Mails prüfen. Wenn Sie die Teilnehmer im virtuellen Raum bei edudip unter dem Whiteboard anklicken, vergrößert sich ihr Kamerabild und Sie sehen, was die Teilnehmer tun. Das kann sehr demotivierend sein… für beide Seiten. 😉
Stellt man eine Frage und keiner antwortet, könnte man einzelne Teilnehmer spontan direkt anfragen: „Wie ist es bei Ihnen Frau Winkler?“ Dazu klickt man einfach auf das Bild. Es folgt ein verstörtes Gesicht und eine zusammengestammelte Antwort. Immerhin Kommunikation. Würden Sie das als guter Trainer im Präsenzseminar tun? Bestimmt nicht, das sind längst überholte Lehrerverhaltensweisen, die sie als schwatzhafter Schüler schon gehasst haben: „Ach, Sie wissen nicht, worüber wir gerade gesprochen haben? Sechs setzen!“
Tipp: Geduld. Außerdem ist der Lerneffekt nachhaltiger, wenn die Teilnehmer während der gesamten Veranstaltung aktiv eingebunden werden. Das hat zur Folge, dass die Teilnehmer vielleicht schneller bereit sind, Ihre Frage zu beantworten.

Zu Sandra Dirks:
Frau Dirks schult Mitarbeiter im Einzelhandel vom Azubi bis zum Filialleiter. Die Zeit zwischen den Präsenzseminaren überbrückt sie mit (live) Online-Seminaren. Außerdem veranstaltet sie Train-the-Trainer-Seminare mit dem Schwerpunkt aktivierendes Lernen & Comedy: „Schmeckt nicht, gibt’s nicht – trockene Inhalte schmackhaft machen!“
Für diese Seminare ist Frau Dirks meist mit einer großen Materialkiste unterwegs.
Ihr Traum: weniger Schleppen durch Online-Seminare.

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